Vorgeplänkel

Es ist vollbracht, ich habe meinen ersten Marathon mit „IAAF Road Race Gold“-Label bestritten – und damit meinen insgesamt dritten „ganzen“ Marathon gelaufen. Oder: Nach meinem Schulterbruch im Mai, (oder kurz gesagt „Schultereckgelenkssprengung“) dachte ich mir:

Warum immer nur in Köln oder Hamburg einen Marathon laufen? Gönn‘ Dir doch etwas Sonne zum ersten Advent!

Henning

Eine kurze Internetrecherche später war ich auch schon angemeldet, die Flüge und eine Unterkunft gebucht. Fehlte nur noch das schweißtreibende Training den Sommer über – aber auch das wurde mit Leichtigkeit *hüstel*  locker abgespult. Und so rückte der Tag näher, ein Flugzeug brachte mich nebst Begleitung nach Valencia, die Ferienwohnung wurde bezogen, die Stadt etwas erkundet und Paella und Tapas genossen.

Zielvorschau

Am Freitag, mit Abholung der Startnummer und anschließender Inspektion der Zielgeraden – einer Art Laufsteg übers Wasser, gesäumt von Tribünen zwischen futuristischer Architektur – auf der Marathonmesse wuchs die Nervosität! Ich versuchte mir ausmalen zu können, welche Stimmung mich im Ziel erwarten würde und wie mich zahlreiche jubelnde Zuschauer förmlich ins Ziel tragen.

Renntag – erste Kilometer

Etwas Sightseeing später war endlich der Tag des Rennens gekommen: Sonntag 05:45 Uhr klingelt der Wecker, ein Frühstück und 5 mal prüfen ob alles nötige eingepackt ist später die erste Ernüchterung, denn der geplante Bus fährt offensichtlich nicht. Also machen sich mein persönlicher 1-Personen-Fanclub und ich zusammen mit tausenden Läufern und Begleiter die ersten Kilometer zu Fuß auf den Weg zum Startbereich, den man kurz nach Sonnenaufgang erreicht. Nach der Garderobe musste ich mich dann überwinden, eines der zu seltenen Dixi-Klos aufzusuchen – so früh am Tag habe ich selten schon über einem Liter Saftschorle getrunken. Die Überwindung aufs Dixie-Klo zu gehen können hier wohl nur andere Marathonläufer und Besucher des dritten Tags eines Musikfestival nachvollziehen!
Dann geht’s in die Startbox und mein Fanclub zum ersten lose verabredeten Punkt geschickt. Eingepfärcht zwischen Läufer aus diversen Nationen kann ich bewundern, dass meine Ausrüstung wieder sehr minimal erscheint: 2 Gels für den Notfall unterwegs und 2 Pflaster, die die Nippel (unter dem Laufshirt) schützen sollen. Andere tragen Trinkrucksäcke und tausend Gels, Äpfel und Bananen, sowie Ersatzkleidung und eine Notfallapotheke mit sich und riechen nach medizinischen Salben. Ein italienischer Laufclub (Herren, ca. 50-60 Jahre alt) neben mir scherzt. Noch etwa eine Viertelstunde bis zum Start. Die ersten Startblöcke werden auf die Strecke geschickt und wir rücken vor. Die Blase meldet sich erneut, aber weit und breit keine Toilette in Sicht! Kurz vor der Startlinie – Dixi-Klos, doch ein Ordner erklärt mir, dass diese für mich unerreichbar seien – man würde mich nicht zurück in die Startaufstellung lassen! Grmpf! Startschuss! Dann traben wir mal mit der Masse los. Tempoläufer mit der Zielzeit 3:45 Stunden entdeckt. Ran an deren Fersen! Hui ist das schnell. Nach einigen hundert Metern wird das Tempo doch als angenehm empfunden. Aber es ist voll im Windschatten der Tempoläufer und die Blase zwickt. Noch kannst du es, also schnell etwas Vorsprung herauslaufen und oh Wunder: ein Gebüsch!
Mit leerer Blase läuft es sich viel angenehmer, die Tempoläufer sind wiedergefunden und das Tempo ist gut auszuhalten – nur voll und eng ist es. Gefühlt alle wollen nach 3:45 Stunden ankommen! Etwas weiter vorne ist es leerer! Etwas weiter vorne ist man „auf der sicheren Seite“. Schnell, Puffer herauslaufen für später bis zur nächsten Verpflegung! Wasser? Wasser! Weiter!Alles scheint gut zu laufen, aber was sagt eigentlich die Uhr? Puls? Unter 169! Tempo? Hui! Kilometer? Noch weit! Geschätzte Zielzeit? …ich traue meinen Augen nicht! Geschätzte Zielzeit? …hier muss ein Messfehler vorliegen! Erstmal weiterlaufen.

200 Meter weiter packt mich die Neugierde: Geschätzte Zielzeit? …es war wohl doch kein Messfehler. 3:29 werden vorhergesagt. Das ist schneller als geplant und gedacht und für möglich gehalten! Im Hinterkopf meldet sich ein Zwiespalt aus Gedanken.

  • Panik, einen vorzeitigen Einbruch zu erleiden.
  • Glücksgefühl, vermutlich eine Fabelzeit zu laufen.
  • Beruhigung, der Puls ist noch nicht im Roten Bereich

Ach, da kommt auch schon die nächste Verpflegungsstation und sieh her, wie laut die Zuschauer jubeln!

Kilometer 10,5 – da kommen einem auch schon die Elite-Läufer entgegen. Was für Raketen! Wie gut die das haben – schon fast das doppelte asn Kilometern absolviert…

Guck mal, das geht auch blind!

Ganz ehrlich, ich weiß nicht genau, welche Kilometer ich gerade beschreibe. Der 15. ist sicher schon absolviert. Guck mal, da in dem Park waren wir doch gestern noch zum Sightseeing. Wie aufregend, direkt am Stadion vom Valencia C.F. vorbei. Und dann diese schönen Häuser im Hafenviertel, farbenfroh angemalt und mit typischen Fliesen an der Fassade dekoriert. Plötzlich bin ich wie fasziniert: Vor mir läuft ein offenbar blinder Läufer, mit einem kurzen Seil mit seinem Guide verbunden und ein weiterer Begleiter daneben. Die sind schnell! Es ist bemerkenswert, wie bei dem Tempo noch die Luft für gesprochene Richtungshinweise bleibt und andere Läufer „gewarnt“ werden – die dann auch artig Platz machen. Zunächst Dranbleiben und sich mit der Beobachtung des Treibens ablenken – schließlich sind die Jungs genau in meinem Tempo unterwegs.

Kilometer nach Kilometer

An dieser Strassenecke waren wir doch neulich auch noch. Um die Ecke in die Metro hüpfen? Laut, bunt, trommelnd, verkleidet… die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein – nur meinen persönlichen Fanclub scheine ich schon wieder verpasst zu haben. An jedem Meter ziehen die Zuschauer vorbei. Teilweise bis auf die berühmte Blaue Linie drängeln die Zuschauer. Aber es wird wärmer, die Sonne wird immer kräftiger. Der Strom an jubelnden Zuschauern ist echt fantastisch. A propos Beine, wie gehts denen eigentlich? Überraschend gut – weiter so! Die geschätzte Zielzeit? 3:30 – hau noch nen Schlag rein! Der Puls? Panik, Roter Bereich! Bremsen und zu lockerem Trab übergehen. Gönn! Dir! einen! Kilometer! Ruhe! … Schatten! Schnell die Strassenseite wechseln und Schatten erhaschen. Achte auf deinen Puls, sonst kommt der Mann mit dem Hammer, sagt der Verstand. Ich versuche langsamer zu werden. Schaue auf die Uhr und ertappe meinen Hinterkopf, der heimlich den Beinen den Befehl gibt zu beschleunigen, um ja nicht mit 3:31 im Ziel zu versagen! Niemand kann diese Beine bremsen, jeder Versuch auf den Verstand zu hören, den Puls zu senken scheitert. Wie in Trance wechseln sich Bremsbefehl aus Angst und heimliches Beschleunigen ab.

Wo bleibt der Hammer?

Das Meer der Zuschauer wird immer enger! Wo ist die blaue Linie? Da ist Sie und verschwindet wieder zwischen den Zuschauern! es wird immer lauter. Plötzlich bleibt ein Läufer abrupt vor mir stehen. Beim Versuch auszuweichen schießt mir ein Schmerz durch die Muskeln die Beine hoch! Das Ausweichmanöver scheitert, mit meiner Hüfte gebe ich dem fremden Läufer einen Stoß in Richtung der Zuschauer.
Ich hechle ein schnelles „Sorry“, hebe entschuldigend die Hand und aus  Panik jetzt von einem „Hammer“ getroffen zu werden erwische ich meine Beine dabei schon wieder zu beschleunigen. Niemand gibt nach Kilometer 40 auf! Doch, der nächste neben mir bleibt einfach stehen. Ich mache mir Mut und plane diesen Blogbeitrag mit den Bildern einer Bergankunft bei der Tour de France zu vergleichen: Die Gasse zwischen den Zuschauern wird enger, du hast fast alles absolviert, es wird lauter, das Ziel ist in greifbarer Nähe, es werden Fsahnen geschwenkt … natürlich alle nur wegen Dir, du kannst das Ziel schon fast sehen! Der nächste, der neben mir theatralisch mit einem Krampf stehen bleibt. Wann wird es dich erwischen, frage ich mich – schließlich habe ich mir viel zu viel zugemutet!

Planlos ins Ziel

Noch drei Kurven, es geht überraschend eine Rampe runter. – die hatte ich zwsichen den Zuschauern übersehen. Ich kann mich kurz vor dem stolpern noch abfangen – wieder auf Kosten eines plötzlichen kurzen Stich durch die Muskeln. Die Panik nun noch zu scheitern wird plötzlich durch die Pulsuhr unterbrochen: „Zielzeitschätzung beendet“! 3:29 … doch es sind noch ein paar hundert Meter! Diese GPS-Ungenauigkeit lässt mich ratlos zurück. Sicher ist: Es wird eine Fabelzeit – selbst wenn ich die letzten Meter kriechen würde! Auf Wiedersehen Versagensängste – immerhin bleibe ich (wieder einmal) über 3:30 Stunden! Endlich in Sicherheit. Aber was nun: Endspurt bis aufs allerletzte Körnchen und im ziel zusammenbrechen? Grinsen aufsetzen, genießen und ins Ziel schlendern? Was soll ich tun?
Ich entscheide mich für einen Mittelweg: Grinsen? Funktioniert! Beine? Lassen sich nicht mehr bremsen! Hitze? Vergessen! Genuss? So weit möglich… Es ist schon faszinierend über diesen blauen Teppich zu laufen, die Tribünen links und rechts gefüllt und die Ziellinie vor Augen! Es ist, als würde man wirklich übers Wasser laufen. Die Arme breiten sich automatisch aus und ja, ich bin den Freudentränen nah! Da ist Sie, die Ziellinie. Schnell noch die Uhr auf der Linie stoppen, aber bloß nicht draufsehen. Einfach nur noch jubeln und endlich stehenbleiben. Ich kann mein Glück gar nicht beschreiben, bleibe einfach einen Moment lang stehen, sehe mich um, wie viele weiter Läufer mir entgegen über die Ziellinie springen, torkeln, sprinten, kriechen. Was für ein Genuss.

Zusammenfassung Valencia-Marathon

Es ist erstaunlich, wie schnell meine Beine plötzlich zu Blei und Beton werden. Doch ich muss Sie haben – die begehrte Medaille! Der unermessliche Stolz wird nicht davon getrübt, dass Sie schlicht in einer Baumwolltasche überreicht und anschließend von weiteren Helfern unter Getränken, Bananen und Mandarinen begraben wird! Als Sie um den Hals hängt scheint die Medaille 1000 Kilogramm zu wiegen, aber trotzdem nehme ich mir vor Sie nie wieder abzunehmen!

Etwas später nehme ich verschwitzt aber überglücklich meine Freundin in die Arme. Mein Grinsen wird in den kommenden Tagen nicht aus meinem Gesicht weichen – ausser wenn der Muskelkater sich meldet…

Aber diesen Muskelkater war die neue Rekordzeit eindeutig wert!